Der Wert authentischer Geschichte(n)
Im „Lětopis“ von 1967 meldete sich der Musikhistoriker Jan Raupp mit einer Entgegnung zur Diskussion, die sich gegen einen von Wolfgang Gesemann sechs Jahre zuvor in „Die Welt der Slaven“ veröffentlichten Beitrag über das in der Volkslieder¬sammlung von Jan Arnošt Smoler und Leopold Haupt erfasste Lied „Serbow dobyća“ richtete. Gesemann hatte die „Echtheit“ des Lieds in Zweifel gezogen, von dem Smoler schreibt, dass es „das älteste in der ganzen Sammlung und das einzige Kriegslied . Es weiset unbezweifelt auf die Kämpfe der Wenden mit den Deutschen, vielleicht auf die Zeiten des Boleslav Chrobły hin .“ (Haupt/Smoler 1841:328) Raupp fühlte sich in doppelter Hinsicht zum Widerspruch veranlasst: Zum einen war es die Verdäch¬ti¬gung eines führenden Repräsentanten der sorbischen nationalen Bewegung, als romantisch-nationaler Falsifikator gewirkt zu haben, zum anderen aber auch Gesemanns Taktik, seine mangelnde Quellenkenntnis mit dem Appell an die „eigentlichen Verantwortlichen“ in Bautzen, Leipzig oder Prag zu überspielen.
Mit welcher Intention wenden wir uns knapp 40 Jahre nach jener Diskussion dem Thema „Mythos und Fälschung“ mit Blick auf das sorbische epische Liedgut zu?
Seit dem letzten Viertel des 18. Jahrhunderts lässt sich im mitteleuropäischen Raum die Konstruktion nationaler Mythen über die Vor- und Frühgeschichte der Völker durch die jeweiligen Eliten beobachten. Dies geschieht zu einem großen Teil in literarischen und poetischen Texten wie dem Barbarossa-Mythos oder dem Nibelungenlied bei den Deutschen, der Königinhofer und Grünberger Handschrift bei den Tschechen, dem Piasten-Mythos bei den Polen, dem Kalevala-Epos der Finnen u. Ä. Welche Bedeutung haben nationale Mythen? Wie wichtig ist die Ermittlung „authentischer Überlieferungsdaten“ im Vergleich zu Untersuchungen, die die Umstände, unter denen nationale Mythen nötig werden, analysieren und die Beweggründe derjenigen hinterfragen, die sich den Liedern, Sagen etc. im 19. wie im 20. Jahrhundert reflektierend widmeten?
Projektbearbeiterin:
Susanne Hose