Trachten waren nicht nur die gängige Kleidungsform der ländlichen Bevölkerung in der sorbischen Lausitz, sie wurden auch immer inszeniert, präsentiert und zur Schau gestellt. Nach der politischen Wende von 1989/90 wurden sorbische Trachten zu Anlässen, die außerhalb des üblichen kulturellen, familiären oder religiösen Festrahmens liegen, immer präsenter. Überregionale Ereignisse, etwa die Grüne Woche in Berlin oder Produktwerbungen, zeugen davon. Neuerdings sind sorbische Trachten auch in der Fernsehwerbung für Spreewaldprodukte zu sehen. Die Verwertung (inkl. die Auf- und Entwertung) der sorbischen Trachten ist keine besondere Erscheinung des 20. Jahrhunderts. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Tracht „wiederentdeckt“. Betrachtet man Fotos aus der Zeit um die Jahrhundertwende, so fällt auf, dass es neben Festtrachtpräsentationen zu öffentlichen Ereignissen (z. B. 1896) offensichtlich eine recht bedeutende Anzahl von Fotos gibt, auf denen Mitglieder sorbischer Vereine zu bestimmten geselligen Anlässen Trachten anlegen, sich „kostümieren“ und damit posieren. Auch in der Zeit des Sozialismus bediente man sich solcher Strategien der Nutzung von Tracht, u. a. im Zusammenhang mit Festivals der sorbischen Kultur. Das Projekt beschäftigt sich mit folgenden Fragen: Wie wurde mit Tracht umgegangen? Für welche Zwecke wurde sie funktionalisiert und welcher Symbolgehalt verbarg sich dahinter? Wie wurde im Sozialismus versucht, mit dem Konzept der Homogenisierung von innen eine erfolgreiche Nationalitätenpolitik nach außen zu praktizieren? Wie wurden und werden sorbische Trachten im Tourismus bzw. im Marketing präsentiert? Eine vergleichende historische Perspektive bis in die Gegenwart soll Entwicklungen aufzeigen, auch unter genderspezifischem Blick.